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Verletzte als Zeug_innen im Strafverfahren

Ein missbrauchtes Kind, ein misshandelter Jugendlicher oder eine geschlagene Frau müssen im Strafverfahren gegen den Täter aussagen: In dieser Situation fühlen sie sich oft, als stünden sie - und nicht der Angeklagte - auf dem Prüfstand. Ihre Glaubwürdigkeit wird begutachtet, ihre Aussage entscheidet über das weitere Schicksal des Beschuldigten. Das Erscheinen vor Gericht löst Scham, Angst und Schuldgefühle aus und rührt quälende Erinnerungen auf.

Zusätzlichen Belastungen sind verletzte Flüchtlinge, Opfer von Menschenhandel und Menschen mit Behinderungen ausgesetzt. Sie alle brauchen besonderes Einfühlungsvermögen, wenn sie eine Aussage machen.

Tatsache ist aber zur Zeit: Der Verurteilung des Täters wird in vielen Fällen mehr Bedeutung beigemessen als dem schonenden Umgang mit Verletzten. Zwar gibt es bereits Vorschriften und Empfehlungen, die den Zeug_innen die Aussage bei Polizei und Gericht erleichtern sollen - beispielsweise die in den Opferrechtsreformgesetzen 2004 und 2009 verankerten prozessualen Regelungen sowie die durch das 3. Opferrechtsreformgesetz 2015 eingeführte Möglichkeit einer Psychosozialen Prozessbegleitung auf Staatskosten. Die damit geschaffenen Möglichkeiten werden jedoch bisher oft nicht ausgeschöpft. Viele Richter_innen und Staatsanwält_innen sind nicht dafür ausgebildet, mit Opfern von sexualisierter oder häuslicher Gewalt und Misshandlung umzugehen, vor allem nicht mit Kindern und Jugendlichen. Sonderdezernate sind selten. Sich gegen den Täter - oder gegen die Täterin - im Strafverfahren zur Wehr zu setzen, verlangt den Opferzeug_innen alle Kraft ab.

So kann ein Verfahren Verletzungen und Traumata reaktualisieren. Viele Betroffene werden zum zweiten Mal Opfer - weil zeugenschonende Möglichkeiten nicht ausgeschöpft werden und weil es an Kooperation zwischen Polizist_innen, Anwält_innen, Staatsanwält_innen, Richter_innen und psychosozialen Fachkräften fehlt.

Strafprozesse sind juristisch komplex; ebenso wie die psychischen Prozesse der Opfer und ihre seelischen Verletzungen. Das führt immer wieder dazu, dass nicht ausreichend ausgebildete Zeugen- und Prozessbegleiter_innen den Zeug_innen das Geschehen im Strafverfahren nicht angemessen vermitteln. Im schlimmsten Fall belasten sie die Zeug_innen zusätzlich oder beeinflussen ihre Aussagen - mit fatalen Folgen für den Prozess. Auch Richter_innen, Staatsanwält_innen und Anwält_innen, die nicht fortgebildet sind oder entsprechendes Gespür vermissen lassen, können Betroffene durch unsensible Befragungen erneut oder weitergehend traumatisieren.

Verletzte Zeug_innen in einem Gerichtsverfahren schonend zu behandeln, signalisiert ihnen: Die Gesellschaft erkennt das erlittene Unrecht an. Diese Unterstützung erleichtert es, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten.

Verletzte Zeug_innen in einem Gerichtsverfahren schonend zu behandeln, kommt aber nicht nur den Opfern zugute. Betroffene, die sich sicher fühlen, machen auch besser verwertbare Zeugenaussagen. Richter_innen sprechen von steigender Zeugentüchtigkeit.